Panama

Die Shelter Bay Marina ist ein gemütlicher Flecken, hier auf der karibischen Seite des Panama Kanals verbringen einige Yachten die Hurrican-Saison, manche warten auf die Kanal-Passage und andere wieder sind gerade aus dem Pazifik angekommen.  Ein nettes Restaurant mit guter Küche und günstigem Bier in der Happy Hour gibt es hier, einen wunderbaren krokodilfreien Swimming-Pool gleich daneben, einen kleinen Shop und den Versuch einer kleinen Chandlery. Die Marina liegt mitten im Dschungel, man hört die Brüllaffen und mit etwas Glück sieht man einen Alligator von der Uferböschung ins Meer hüpfen. Die Langfahrt-Segler-Gemeinde organisiert Aktivitäten wie gemeinsames Grillen, musizieren, abends zusammensitzen, es sind wieder einmal alle Nationen hier vertreten. Täglich fährt ein Marina Bus kostenfrei nach Colon ins Einkaufszentrum und zum Busbahnhof, den nehmen wir gleich einmal, weil wir in Panama einklarieren müssen.  Alles geht einfach und kostenfrei, keinen Dollar müssen wir bei den Offiziellen lassen, wie so oft ist alles viel einfacher und auch billiger, als wir es in der Gerüchteküche auf seglerlateinisch gehört haben. Colon-Zentrum ist allerdings eine ziemlich heruntergekommene Gegend die man nur im Taxi bereisen darf, die Kriminalität ufert dermaßen aus, dass wir dringend angehalten werden keine Wege zu Fuß zu machen, das Gelände des großen Einkaufszentrums etwas außerhalb ist jedoch sicher und man kann hier alles gut und günstig kaufen..

Eine Woche haben wir Zeit, unsere KALI MERA für ihre Sommerpause vorzubereiten, alles wird serviciert, gereinigt, gepflegt, verstaut, Öle werden gewechselt, Filter getauscht, Segel verpackt, Bimini und Sprayhood bauen wir ab und dann verstauen wir alles unter Deck.

Das Wetter ist überaus stabil, man kann sich nämlich darauf verlassen, dass es in zwar unregelmäßigen Abständen, aber dafür sehr häufig gewittert und dass dabei Wassermassen vom Himmel fallen, die man sich in Österreich gar nicht vorstellen kann. Es gibt gar keine besseren Bedingungen, um endlich das Leck zu finden, bei dem immer Wasser in die Bug-Lockers gekommen ist, seit sieben Monaten suche ich schon und nun kann ich schon nach drei Tagen „alles dicht“ melden.  Die Luftfeuchtigkeit hat sich bei subjektiven 128% eingependelt, tropische Hitze animiert nicht zum Arbeiten, nur in unserem Schiff, in dem die Klimaanlage tagsüber durchgehend läuft, ist es trocken und kühl, welch ein Segen doch diesmal dieses klobige Klima-Ding ist, das wir da mitschleppen und bisher erst einmal in Italien verwendet haben. Eine Zwei-Segler-Klassen-Gesellschaft entsteht bei diesen Bedingungen: Die Bevorzugten sitzen tagsüber im klimatisierten Schiff, alle Luken geschlossen und machen einen entspannten Eindruck, den anderen rinnt der Schweiß in Strömen herunter und auf Ihren Schiffen gehen – je nach aktueller Regensituation – die Luken ständig auf und zu.

Wir packen auch unsere Räder wieder aus, auch diese werden gereinigt und geschmiert, und bevor wir sie wieder verpacken, machen wir einen Radausflug in den Nationalpark zum alten Fort, einem Welt-Kultur-Erbe. Bunte Landkrabben, Affen, Schlangen, riesige blaue Schmetterlinge, Alligatoren, jede Menge Vögel und Moskitos können wir hier sehen. Besonders die Moskitos und die Sandfliegen sind gar nicht scheu und kommen näher als uns lieb ist.

Termingerecht erledigen wir alles und dann – wird alles erledigt, bevor… kommt die KALI MERA in das Sommerlager an Land. Beim Kranen läuft leider nicht alles nach Plan, als wir den Motor – schon in den Gurten hängend – mit Frischwasser spülen wollen, da explodiert mit einem großen Krach im Motorraum der Vetus Wasser-Sammler. Die Spezialisten haben die Gurte genau über den Auspuff gelegt und diesen völlig verschlossen, ich muss das Teil ausbauen und den Motor noch einige Zeit mit Auspuff-in-die-Bilge laufen lassen damit alles freigespült ist. Dann heißt es Motorraum putzen um die Sauerei wieder zu entfernen. Letztendlich ist nicht viel passiert, den Wassersammler muss ich im Dezember tauschen, aber mehr dürfte nicht kaputtgegangen sein. Ist eine gute Gelegenheit gleich auch den Auspuff-Schlauch zu ersetzen, Schlauch und Wassersammler waren mir eh schon etwas suspekt.  Wir sind gespannt, ob die Versicherung der Marina das auch wirklich bezahlt, wir werden sehen.

Wir bauen noch den Luftentfeuchter ein, den wir gemietet haben und der dafür sorgen soll dassim Schiff trotz der extremen Umgebungsbedingungen der Schimmel keine Chance hat, und dann steigen wir ins Taxi nach Panama City – Städte (Stadt)-Urlaub vor dem Rückflug.

Nachdem wir Colon gesehen haben und auch sonst in der Karibik nicht unbedingt städte-bauliche Diamanten entdecken durften, fahren wir ohne besondere Erwartungen in die panamesische Hauptstadt – umso größer ist dann die Begeisterung, als wir durch dieses Juwel flanieren dürfen. Es ist eine hochmoderne Großstadt mit beeindruckenden Wolkenkratzern, eine stadt-planerische Meisterleistung ist auch das riesige Grün-und Erholungsareal an der Pazifik-Küste, die koloniale Altstadt ist wunderschön und wir können uns an der städtischen Schönheit gar nicht satt sehen. Wir fühlen uns wunderbar sicher in Panama City, der Großteil der Grünuniformierten jagt keine Verbrecher sondern Unkraut, wir sehen viel mehr Gärtner als Polizisten, welch ein Unterschied zu Colon (das übrigens jetzt sowieso „abgerissen“ und neu aufgebaut werde soll). Uns gefällt die entspannte Atmosphäre, die Synthese aus alt und modern, die lebenswerte Gestaltung. Panama City ist eine Stadt, in der wir uns für einige Zeit auch uns selbst vorstellen könnten.

Die Tage vergehen schnell, ein Highlight ist der tägliche Gang zum Mercado Pescadero, dort gibt es die besten Cevichevariationen, die wir jemals essen durften, hervorragende Qualität und günstige Preise. Dass man aus rohem Fisch, Zwiebeln und Zitronen so was köstliches zusammenmixen kann, das wundert mich immer noch.

Fast einen ganzen Tag verbringen wir an den Miraflores-Schleusen und bewundern die technische Meisterleistung, die schon seit über 100 Jahren den Atlantik mit dem Pazifik verbindet. Wir besuchen den großen grünen Nationalpark mitten in der Stadt,  sind weite Strecken zu Fuss unterwegs, fahren mit Bussen und der neuen U-Bahn und dann ist der Aufbruch zum Flughafen schon wieder da, es geht zurück nach Europa.

Panama lädt uns dazu ein, die bisherige Reise Revue passieren zu lassen und uns zu fragen, wie es weitergehen soll. Als es 2015 in der Türkei „Leinen los“ geheißen hat, da war es noch völlig offen, ob uns diese Form des Reisens auch das geben wird, was wir uns erhofft haben – nun sind wir vor dem Eingang zum Pazifik, ein Wendepunkt für viele Segler. Einmal durch  den Kanal – dann muss die Welt wohl fertig umsegelt werden, hier ist der letzte einigermaßen einfache Rückkehr-Punkt nach Europa. Ist man erst einmal im Pazifik, dann geht es nicht mehr nach Osten. Nächstes Jahr wollen wir noch die San Blas Inseln in Panama besuchen, aber 2019, da wollen wir den Sprung in den Pazifik wagen, es zieht uns weiter, zu viel gibt es noch zu entdecken. Aber es sind nicht die ausgetretenen Routen, die uns nun immer mehr interessieren, die Reviere abseits der klassischen Barfußroute, die haben es uns zwischenzeitlich angetan. So wie Providencia unser Reise-Herz viel mehr berührt hat als die Destinationen mit den großen Namen, den Traumstränden und den vielen Hotels,   so sind vielleicht auch im Pazifik unsere Traumdestinationen gar nicht die üblichen Hotspots – und wer weiß, vielleicht geht es auch für einige Zeit nach Norden, Richtung Kanada und Alaska, wir werden sehen. Jetzt sitzen auch wir einmal für einige Zeit auf dem Trockendock von Praxis und Büro, überholen unsere Reisekasse, genießen den europäischen Luxus und haben erst einmal Zeit zum Träumen und Planen …

Sobald die Kälte unsere Alpenrepublik wieder fest im Griff hat, Schnee und Eis, Glühwein und Christbäume überall um uns sein werden, da werden wir wieder das Salz auf den Strassen gegen das Salz im Wasser tauschen – spätestens dann melden wir uns hier wieder.

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Überfahrt nach Panama

Unsere Zeit auf Providencia neigt sich dem Ende zu. Wir haben kurzfristig beschlossen, Anfang Juni nach Österreich zurückzufliegen, um dort wieder für einige Zeit wertvolle Mitglieder der arbeitenden Gesellschaft zu werden, gilt es doch Reisebudget für den Pazifik zu organisieren. Die Flüge sind gebucht, am dritten Juni wollen wir in Panama City abheben, für die KALI MERA haben wir einen Platz in der Shelter Bay Marina bestellt, dort darf sie im Trockendock den panamesischen Sommer genießen und sich von den Strapazen der diesjährigen Etappe erholen.

Es sind zwar nur 260 sm von Providencia nach Colon, zum Eingang des Panama Kanals, dort ist unsere Ziel-Marina nämlich, aber die haben es wettertechnisch in sich.  Wir holen unterschiedliche Wetterberichte ein, wie wir es drehen und wenden, richtig zu passen scheint es nie, nicht einmal dann, wenn man voller Optimismus die guten Seiten der unterschiedlichen Berichte kombiniert und den Rest ignorierr. Viel Wind kommt aus Osten, in der zentralen Karibik bläst es ganz ordentlich und eine hohe Welle hat sich aufgebaut. Die ersten 150 sm gibt es Starkwindbedingungen, und das dummerweise schräg von vorne, danach soll der Wind plötzlich aufhören um einige Zeit später frontal auf uns loszugehen. Soweit man wettertechnisch voraus blicken kann wird sich daran nichts verbessern, nur die Form des Übels kann sich ändern, also brechen wir gemeinsam mit der Libertad, einer Amel Maramu, die wir schon seit Marokko immer wieder treffen, auf.  Dennis und Virginia sind auf der letzten Etappe ihrer Weltumsegelung und wollen diese in der Shelter Bay Marina abschließen. Es ist angenehm auf dieser Etappe ein „Buddy Boat“ zu haben, mit dem wir uns alle sechs Stunden über Funk (VHF und SSB) kurzschließen, checken dass alles in bester Ordnung ist („How is Virginia, still sea-sick? – Tadeja and I could not eat today, everything is fine“) und Positionsdaten austauschen.

Als wir aufbrechen das kachelt es am Ankerplatz, noch nie sind wir bei solchen Windbedingungen losgefahren. Was uns erwartet kann man dem Segler in einem Satz erklären: Am Wind Kurs, sieben Windstärken, durchschnittliche Wellenhöhe vier Meter, durchgängig Squalls und Gewitterfronten.

Ein bisschen blumiger möchte ich es aber dennoch beschreiben, damit man sieht warum wir uns für „Am Wind Kurs, sieben Windstärken, durchschnittliche Wellenhöhe vier Meter, durchgängig Squalls und Gewitterfronten“ im Segeln nicht begeistern können. Die ganz und gar nicht durchschnittlichen Wellen sind riesig und auch noch unangenehm kurz und steil, nur eine Kreuzwelle bleibt uns Gottseidank diesmal erspart. An und für sich machen uns große Wellen schon lange nichts mehr aus, und Wind mit bis zu 30 Knoten ist auch kein Problem, wenn doch alles bloß von hinten kommen würde. Vor dem Wind, oder auch raumschot, da kann das dann durchaus recht spektakulär werden, aber es bleibt immer noch in gewisser Weise angenehm, aber gegenan, das müssen wir doch nicht wirklich haben. Es kracht und poltert, muss man dummerweise einmal aus dem Cockpit ins Schiff hinunterklettern dann wird man herumgeschossen wie eine Flipper-Kugel beim Rekordversuch, Essen kochen können wir vergessen, wir sind nicht einmal in der Lage das in weiser Voraussicht vorgekochte aufzuwärmen.  Wie gut, dass uns beiden ausreichend übel ist und wir eh gar nichts essen wollen.  Trotz der ungemütlichen Bedingungen schießen wir mit sieben bis acht Knoten dahin, manchmal sogar noch schneller. Wir haben Genua, Groß und Besan gesetzt, allerdings alles gut gerefft und die KALI MERA fühlt sich dabei wesentlich wohler als wir – sie steuert sich alleine und wenn wir nicht drauf wären dann würde sie halt ohne uns nach Panama fahren. Das wieder festgeschraubte Getriebe klopft nicht mehr und benimmt sich mustergültig, ein Stein fällt mir von Herzen. Der Wellengenerator ist damit wieder im Einsatz und wir haben Strom im Überfluss – damit können wir das Radar ständig mitlaufen lassen. Mit dem Radar schauen wir lange schon keinen anderen Schiffen mehr hinterher, sondern die Regenwolken vor uns, die beobachten wir, damit wir zwischen den schlimmsten Wolkentürmen „durchschlüpfen“ können. Nur keinen Blitzschlag und dann womöglich ohne Elektronik mit Koppelnavigation und von Hand steuern, – ein Alptraum.  Sicherheitshalber wandert das Ipad mit den elektronischen Seekarten und die Handfunke in den Backofen – nur dort ist das Zeug richtig sicher, außer man schaltet versehentlich den Ofen ein… . Manche Segler,  die schon ein paar Jährchen mehr auf dem Buckel haben und deren Kurzzeitgedächtnis erfolgreich den Schritt in den Energiesparmodus geschafft hat, die hängen sich sicherheitshalber einen Zettel auf die Backofen-Tür. Das brauchen wir natürlich nicht, und der Zettel am Generator-Startknopf (NICHT einschalten, Seeventile zu…) hat natürlich andere Gründe, und das Ipad finde ich gerade nicht… .

Herausfordernd wird es dann in der stockdunklen Nacht, wenn man nichts mehr sieht als hin und wieder schwarze Wellenberge mit weißen Gischt-Brechern, wenn man sich auf keine heranrollenden Wellen einstellen kann, wenn es plötzlich steil nach oben geht, die KALI MERA wie ein Buckelwal aus dem Wasser springt um dann mit einem gewaltigen Krachen voller Freude wieder einzutauchen, und unser Magen erst wieder eine Beruhigungs-Sekunde braucht. Festgeklammert und gut verspreizt liegen wir auf den Bänken im Cockpit, und nach einer ersten Eingewöhnungsphase gibt es sogar im Salon auf der Bank einen Platz an dem wir uns „wohlfühlen“. Durch die starke Krängung liegt man in der Bank auf der Steuerboard-Seite ganz bequem, dort darf derjenige versuchen zu schlafen, der gerade nicht Dienst hat, einer ist immer im Cockpit und tut so als könnte er auf irgend etwas aufpassen. In solchen Momenten da fragt man sich dann schon warum wir uns das ganz freiwillig angetan haben, man könnte ja daheim auch gerade im Kino sitzen, oder in der Therme herumplanschen, oder auch nur einen Nachmittagsschlaf mit ein wenig leiser klassischer Musik im Hintergrund halten.

Wir wissen, dass das Schiff das aushält, wissen auch, dass wir das aushalten und wissen dummerweise auch, dass das einzige, was hilft, ist durchhalten, daliegen, festklammern, nichts essen, und genau so viel trinken dass wir ein Optimum zwischen verhinderter Dehydration und möglichst seltenem WC-Besuch erreichen. Irgendwann wird es wieder Tag, und da schaut es dann immer fröhlicher aus, wenn die Sonne durch die Wolken lacht und das Meer sich beruhigt, der Oberkellner das Frühstück ans Bett gebracht hat, die Vögel in den Masten trällern und der Computer nach einem Windows Update deutlich schneller und zuverlässiger geworden ist. – Auweh, eingeschlafen und geträumt, es wird zwar Tag aber es regnet, stürmt und gewittert.

Die Blitze an sich sind schon ein Naturschauspiel, das ich stundenlang anschauen könnte (und dummerweise auch muss), aber schöner wäre das unter dem festen Dach einer Hollywoodschaukel mit einem Bier in der Hand und einem Blitzableiter am Haus, heißa, wäre das ein Vergnügen. Aber hier tun die Blitze in den Augen weh, oft ist der halbe Himmel grellweiß erleuchtet, dann kann man super sehen, wie hoch die Wellen sind…

Wie lieben wir besonders bei schwierigen Bedingungen unser Schiff, den sicheren Platz im Mittelcockpit hinter dem festen Spritzschutz, das gutmütige und kontrollierbare Verhalten bei schwerer See, das einfache Rigg das einem nie abverlangt zu Manövern das Cockpit zu verlassen und die feste See Reling, die uns Sicherheit gibt – solange wir das Cockpit nicht verlassen, brauchen wir uns auch bei solch unangenehmen Bedingungen nicht angurten. Hin und wieder gischtet ein Brecher über das ganze Schiff und dann regnet es auch im Cockpit, aber nur sehr selten kommt wirklich ein Platscher Seewasser hinein, das natürlich genau dann, wenn wir uns gerade etwas aus der Deckung gewagt haben.

Wenn die mondlose Nacht die KALI MERA wie mit schwarzem Samt in völlige Dunkelheit einhüllt, dann beginnt die Gischt, die vom Bug hochgeschleudert wird, plötzlich wie 1000 Glühwürmchen zu leuchten, wir sausen durch ein Lichtermeer, ein Schauspiel, das die ganze Mühsal plötzlich vergessen lässt, die Welt dreht sich auf den Kopf und das Meer rund um uns wird zum Kosmos in dem Myriaden von Sterne kurz aufleuchten und wieder verglühen, wir sehen von oben  aus dem Urknall zu, nach dem Welten entstehen und vergehen (weniger pathetisch ausgedrückt: Es schaut aus als ob vor uns ein Container mit chinesischen Mikro-LED-Taschenlampen aufgeplatzt ist und wir durch die überall herumschwimmende Fracht durchsegeln).

In der zweiten Nacht lässt dann der Wind nach, der örtliche Windgott liebt anscheinend die Extreme und kurz danach ist fast Flaute, wir starten die Maschine (die Salzwasserpumpe vom Volvo, die mir bei der letzten Untersuchung in Providencia beteuert hat, dass ihr absolut nichts fehlt, tropft natürlich) und motorsegeln durch die stetig nachlassende (aber immer noch einige Meter hohe) Dünung weiter Richtung Panama. Langsam kommt Ruhe ins Schiff und in uns, Appetit regt sich, wir essen ein wenig und finden dann (abwechselnd) sogar richtigen Schlaf. Kurz vor Panama nehmen wir die Segel völlig weg, es wird noch ein gemütliches Ankommen hier in Mittelamerika.  Durch die riesigen Frachter, die vor dem Panama Kanal ankern, schlängeln wir uns durch, wir passieren den großen Wellenbrecher vor dem Kanal und biegen dann nach rechts in die Shelter Bay Marina ab. Schiff vertauen, Libertad begrüßen, Ankunftsbier trinken und schon ist alles Unangenehme vergessen und wir sind schon wieder sicher, dass uns auch „Gegenan-Segeln“ eigentlich gar nichts ausmacht.

Ein großer Abschnitt unserer Reise ist zu Ende, vom Mittelmeer über den Atlantik durch die gesamte Karibik, nun liegen wir direkt vor dem Eingang in den Pazifik. Wie oft habe ich mir beim Lesen von Reiseberichten den Panama Kanal vorgestellt, nun sind wir selbst genau hier, – wieder einmal ist ein langgehegter Traum Wirklichkeit geworden.

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Isla de Providencia

Ein großes Mysterium ist endlich geklärt. Das Paradies hat eine Fläche von 25 Quadratkilometer, 5.000 ständige Einwohner, 15.000 Touristen pro Jahr. Wenn man frisch im Paradies eintrifft, dann denkt man vielleicht, es handle sich um eine ganz normale Insel, ein kleines Eiland, wie wir schon so viele gesehen haben. Aber spätestens, wenn man bei Mr. Bush, dem Einklarierungs-Agent, der hier für die Segler so eine Art Petrus darstellt, sitzt und die „Offiziellen“ mit einem Lächeln und fröhlichem Gesicht nacheinander uns die Aufwartung machen, da merkt man, dass hier etwas anders ist.  Zum Hafenmeister gehen und Formulare ausfüllen? Nein, Formulare füllt Mr. Bush aus und der Hafenmeister kommt persönlich bei uns vorbei, um uns zu begrüßen. Wir erhalten auch noch einen vollständigen Cruising Guide für Kolumbien, ein Geschenk der Regierung an die Segler, und generell ist hier alles „no problem“.  Wie die Sicherheit hier am Ankerplatz ist? No problem! Ob man Geld abheben kann? No problem! Ob es Internet gibt? No problem! Kann man gut und günstig essen? No problem! Die Frage nach den 30 Jungfrauen, die verkneife ich mir…

Der Ankerplatz ist riesig und geschützt, wir liegen auf 5m Wassertiefe über Sandgrund, unter uns liegen Seesterne und schauen uns interessiert an. Das Wasser ist wunderbar warm, eine riesige Badewanne.

Providencia ist klein, so klein dass man in 2-3 Stunden gemütlich mit dem Rad rund herum fahren kann, es gibt eine (gute) Straße, ein paar Dörfer zwischendurch, wunderbare Strände und ein riesiges Ringriff (angeblich das zweit-größte der Welt), das wunderbaren Schutz gibt. Der Tourismus ist sanft, einige junge Leute die auf Weltreise sind, ein paar Segler, es gibt hübsche Apartments und Herbergen, wunderbare einfache Restaurants direkt am Strand, einen schönen kleinen Vulkan zum Besteigen, günstige Scooter-Vermietung, freundliche Menschen, es gibt alles was man braucht aber auch nicht mehr.

Wir mieten einen Scooter, als ich den Führerschein herzeigen möchte werde ich seltsam angeschaut. Führerschein? Braucht man nicht. Vertrag? Braucht man nicht. Ausweis? Nicht nötig. Auftanken? Braucht man nicht. Ist eh genug Benzin drinnen und nachtanken ist nicht nötig. Wenn zum Zurückgeben niemand da ist dann im Supermarkt den Schlüssel abgeben. No problem! Und das um 12 Euro.

Die Dörfer und Häuser sind gepflegt, Luxus findet man hier keinen, aber es ist nicht desolat wie die Infrastruktur auf so vielen anderen Inseln in der Karibik, mich erinnert vieles spontan an das Griechenland von früher. Fischessen in der Taverne am Strand ist ein vorzügliches und sehr preiswertes Vergnügen, ein gebratener Fisch mit allen Beilagen kostet ca. 6 eur, das kolumbianische Bier dazu nochmals 1,5 eur. Die Hängematte am Strand ist kostenlos. Hier lässt es sich aushalten. Sehr lange aushalten.

Isla de Providencia ist bekannt für seine Pferderennen und die großartigen Tauchspots, beides steht bei uns am Programm. Am Samstag gibt es in der riesigen Bucht im Süden am Sandstrand einen Wettlauf zwischen dem Champion und seinem Herausforderer, in rasendem Tempo galoppieren die wunderschönen Pferde den Strand entlang, die Jockeys ohne Sattel und nur mit Badehose und Socken, das Rennen ein Volksfest. Nach dem Zieleinlauf geht es hoch her, es wurde auf Teufel komm raus gewettet und jetzt wird mit viel Emotion abgerechnet.

Jeden zweiten Tag gehen wir Tauchen, das ist hier – wie alles – leistbar, wir werden (sehr komfortabel) in der Früh von der KALI MERA abgeholt und nach den zwei Tauchgängen am Nachmittag wieder „daheim“ abgeliefert. Die Tauchguides sind kompetent und liebenswürdig. Am Vormittag gibt es einen „Wall-Dive“, es geht die Riffkante hinunter in die Tiefe, wir tauchen durch unterirdische Canyons, um uns kreisen die Haie und kommen so nahe, dass wir sie berühren könnten.  Am Nachmittag gibt es dann Spazierentauchen durch den Korallengarten auf nur fünf bis zehn Metern Wassertiefe, wir tauchen durch Fischschwärme, sehen jede Menge Langusten, Rochen, große Krebse, Muränen, bunte Rifffische und ganze Wälder aus Korallen. Es ist eine wunderbare Zauberwelt, die wir betreten dürfen, schwerelos gleiten wir durch ein stilles und intaktes Paradies.

Wir besteigen den Peak, etwas über 300 Meter Seehöhe und dennoch ein richtiger Berg mit fantastischen Rundumblick über die ganze Insel. Im Regenwald musiziert ein riesiges Orchester aus Bongos und Flöten, die musikalischsten Frösche, die wir je erleben durften, werden von den Vögeln begleitet. Blitzblaue Eidechsen huschen über den Weg und die eine oder andere der großen Landkrabben, die zu tausenden in Kürze von den Bergen zur Eiablage zum Meer krabbeln werden, können wir schon sehen.

Die Zeit vergeht im Flug, normalerweise zieht es uns spätestens nach zwei Wochen wieder weiter, nur hier wollen wir nicht weg, da ist es ja richtig gut, dass das Wetter auch nicht zur Weiterfahrt nach Panama einlädt, also heißt es weiter hier ausharren, im Paradies 😊

 

 

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Überfahrt Isla Providencia

Nach Panama sind es von der Bloody Bay aus knapp 600 Seemeilen, und weil das westkaribische Meer ganz schön rauh sein kann haben die praktischen Kolumbianer als Zwischenstop für die ermüdeten Segler mittenhinein eine Insel hingebaut, die Isla Providencia.  Dieses exotische Eiland, diesmal wirklich „abseits der ausgetretenen Pfade“, Piraten-Schlupfloch, immer noch vom „Morgans Head“, dem steinernen Kopf des Captain Morgan bewacht und (vielleicht deswegen) von der Touristenplage noch nicht heimgesucht, ist unser nächstes Ziel.

360 Seemeilen haben wir vor uns, wir kalkulieren vorsichtig mit einem Etmal von 120 Meilen und brechen um 1300 auf, da haben wir dann nach vorne und hinten ausreichend Puffer, ein Einlaufen bei Dunkelheit wollen wir bei den ganzen Riffs nicht riskieren (und wer sich hier auf die Seekarten verlässt der wird ganz schnell eine Markierung auf ebendieser).  Vor der Abfahrt gehe ich noch einmal schwimmen und denke dabei, dass wir in der ganzen Saison noch keine einzige „Panne“ hatten, völlig abnormal bei einem Segelboot. So was soll man nie aussprechen oder auch nur denken wenn man nicht sofort auf Holz klopfen kann, aber es ist halt passiert. Und als wir dann, umzingelt von den Nachmittagsgewittern, den Anker holen und aus der Bucht motoren, da fällt mir ein untypisches Klopfen auf. So ein Segelboot macht ja die absonderlichsten Geräusche, es knarrt, knirscht, summt, quietscht, klopft und was weiß ich noch was auch immer, aber wenn plötzlich etwas anders ist dann fällt das sofort auf, auch wenn es nur eine kleine neue Stimme im Schiffsorchester ist. Und es ist keine hübsche Stimme, das Getriebe klopft im Leerlauf, ein unangenehmes metallisches Knirsch-Klopfen, eine Kakophonie im sonst so vertrauten Wohlklang. Ich klettere in dem Motorraum, baue den Wellengenerator ab um herauszufinden woher das Geräusch kommt, und es klopft eindeutig beim Wendegetriebe. Unter Last scheint es weniger Lärm zu machen, aber dennoch bleibt der Motor sicherheitshalber aus und das Getriebe im Retourgang fixiert. Was sich nicht bewegen kann das klopft auch nicht. Wir sind ein Segelboot und werden auch ohne Maschine nach Panama kommen, dummerweise funktioniert halt bei festgeklemmter Welle auch der Wellengenerator nicht mehr und wir müssen das erste Mal beim Segeln auf unseren Energieverbrauch achten.  Noch sind sind wir im Lee von Jamaica, und nachdem das erste Gewitter über uns hinweggebraust ist dümpeln wir in der Flaute und die Strömung setzt uns langsam nach Norden, obwohl wir in den Süden wollen. Aber als zwischenzeitlich reines Segelboot müssen wir damit zurechtkommen und irgendwie schaffen wir es aus der Windabdeckung hinaus in den Passat. Äolus ist uns wohlgesonnen, voll besegelt ziehen wir schnell auf halben Wind nach Süden, der Seegang ist mäßig und das Schiff hat viel Bewegung. Uns ist beiden schlecht, wir haben Kopfschmerzen und drei Tage lang schaffen wir es fast nicht das Cockpit zu verlassen. Im Schiff drinnen ist es heiß und es schaukelt erbärmlich und das tut uns gar nicht gut. Am ersten Tag essen wir noch vorgekochtes, dann ist es aus mit dem Völlern, ich verweigere die Nahrungsaufnahme und beginne spontan eine lange geplante Fastenkur, Tadeja nascht noch etwas von unseren Vorräten, hält sich aber auch sehr zurück. Es werden keine angenehmen 68 Stunden, erst am vierten Morgen da wird es besser. Haben wir uns irgendeinen Virus eingefangen oder ist es Seekrankheit? Noch nie waren wir so außer Gefecht an Board. Anfangs angeln wir noch, zuerst reißt uns ein riesiger silberner Fisch den Köder ab, dann bleibt eine wunderschöne intensiv leuchtende Dorade dran, kurz darauf beißen noch zwei gleichzeitig und dann lassen wir das Fischen auch schon wieder sein – das Gefrierfach ist voll und essen können wir derzeit eh nichts, wir liegen nun wieder im Cockpit…

Vom Wetter her haben wir Glück, konstanter Ostwind lässt uns weitgehend ohne Segelmanöver vorankommen, manchmal etwas reffen wenn der Wind zulegt oder ein Squall in der Nähe vorbeizieht, aber die Gewittertürme sorgen zwar für Unterhaltung, weichen uns aber immer gerade rechtzeitig aus. Wäre uns nicht so übel es wäre wunderbares Segeln.

Die See ist hier tückisch, viele Riffs und Sandbänke haben das Meer zu einem riesigen Schiffsfriedhof gemacht, um sicher durchzukommen halten wir uns genau an die Wegpunkte aus Jimmy Cornells „Segelrouten der Welt“. Auf der Höhe von Honduras schalten wir unseren AIS Sender aus und fahren ohne Positionslichter, mehrere Piratenüberfälle auf Yachten hat es heuer hier schon gegeben, und die kritischen Stellen passieren wir „unsichtbar“ in der Nacht. Wir sehen keine Yacht und auch keine Fischer, nur große Frachter die ebenso wie wir die Route zwischen den Bänken nehmen. Radar-Alarme, die wir haben, entpuppen sich fast alle als Squalls, starke lokale Regengüsse die ein gutes Radarecho abgeben, Piraten bewirtschaften dieses Gebiet gerade nicht.  Weiter im Süden, vor Nicaragua, da schalten wir den AIS Sender wieder ein und sind ordentlich befeuert, damit uns die Frachter als Segelboot erkennen und uns ausweichen.

Am vierten Tag sind wir schon fast wieder genesen und pünktlich zur Mittagszeit fällt dann in der großen ruhigen Bucht von Providencia der Anker, wir klarieren in Kolumbien ein, freuen uns über die schönen ersten Eindrücke und die günstigen Preise im Supermarkt, die Testbiere werden gekauft (eines von jeder Sorte einheimischer Biere damit man weiss was man später dann bunkern muss, nie wieder wird uns das schreckliche Missgeschick passieren wie auf Martinique, als ich das billigste im Angebot gleich in einer großen Palette gekauft habe und es dann nicht trinken konnte weil es so grausam schmeckte, Tantulasqualen erleidet man da wenn man einen riesigen Bierdurst hat, die Vorräte voll sind aber immer wenn man hingreift der Durst sofort wieder verschwindet), danach das erste Doradenfilet verspeist, als Draufgabe schauen wir uns einen Film an und fallen in die Koje in tiefen Schlaf…

Heute vormittag habe ich dann symbolisch den Blaumann angezogen, die große Werkzeugkiste gepackt und bin in den Motorraum umgesiedelt. Da haben sich doch glatt bei der Kupplung zwischen Getriebe und Welle alle vier Schrauben gelockert (bei der Vetus Flexible coupling hatte ich letztes Jahr in Martinique die Gummis tauschen lassen), etwas Spiel und Krachen war die Folge. Alles festgezogen, Krachen weg, ob alles wieder einwandfrei funktioniert werden wir erst beim Weitersegeln sehen, vorerst schaut es einmal gut aus…

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Jamaica

Wir ankern am westlichsten Zipfel von Jamaica, in der Bloody Bay, dort, wo vor 300 Jahren die berühmten Piratinnen Anne Bonney und Mary Reade gemeinsam mit dem berüchtigten Calico Jack gefangen wurden (weil sei schwanger waren wurden die Damen nicht wie der Rest der Besatzung gleich gehängt). Der riesige wunderschöne Sandstrand ist voller Verkaufs-Stände, dahinter große gepflegte Hotel Anlagen, es ist eine sehr touristische Angelegenheit hier, und dennoch der schönste Ankerplatz, den wir bisher auf Jamaica hatten. Das Wasser ist unglaublich klar und wir wagen es fast nicht vom Schiff aus hineinzuspringen, da man das Gefühl hat, es sei nur einen halben Meter tief. Wir werden noch zwei Tage hier bleiben und dann nach Providencia aufbrechen, knapp 400 Seemeilen liegen vor uns. Von hier aus werden wir die Antillen verlassen, seit über einem Jahr tingeln wir nun von einer Antillen-Insel zu anderen, zuerst die ganzen kleinen Antillen, dann noch die Großen, und nun geht es weiter zu neuen Ufern, vorher aber noch ein kurzer Bericht über unsere Zeit auf Jamaica:

Von Haiti aus segelten wir nach Port Antonio, es war eine raue Überfahrt,  kräftiger Passat von achtern und stellenweise bis zu zwei Knoten Strömung gegen uns haben einen unangenehm hohen Seegang erzeugt, es war eine holprige und anstrengende Passage. Im hübschen Port Antonio warten dann schon Julian und Sascha auf uns, in den nächsten zwei Wochen herrscht wieder Familienleben auf der KALI MERA. Mit dem Mietwagen erkunden wir die „Blue Mountains“, einen wunderschönen Gebirgszug zwischen Porto Antonio und Kingston in dem der „Champagner der Kaffees“, der Blue Mountain Coffee angebaut wird. Vor den Straßen wurden wir zwar gewarnt, aber damit hatten wir dann doch nicht gerechnet. Wie üblich legen wir unsere Route quer durchs Landesinnere auf gemütliche und verkehrsarme Landstraßen, da sieht man einfach mehr vom Land als auf der Autobahn. Wenn aber die Autobahn (Straße Kategorie 1 auf unserem Plan) eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 40 km/h zulässt, die Bundesstraße (Kategorie 2) eine Art Feldweg mit Asphaltbestandteilen ist und unsere „Landstraße“ (Kategorie 3 auf der Karte ) dann noch mindestens eine Kategorie weniger „Straße“ ist, dann hat man vielleicht eine Ahnung, was auf uns zugekommen ist. Mit einer atemberaubenden Durchschnittsgeschwindigkeit von knapp über 10 km/h rasen wir durch die beeindruckende Landschaft, der Weg besteht plötzlich nur noch aus Schlaglöchern in die mein braver Smart daheim als ganzer hineinpassen würde, die Löcher werden durch große Felsblöcke und hin und wieder sogar durch einen Asphaltrest miteinander verbunden, es geht so steil bergauf, dass die Räder im Schotter immer wieder durchdrehen, und als wir dann denken es kann eh nicht mehr schlimmer kommen da kommt es schlimmer. Eine abenteuerliche Brücke führt hoch über den Fluss, aber die Jugendlichen die in der Nähe stehen (unsere Reisegeschwindigkeit ist so gesprächsfreundlich dass man sich in aller Ruhe während der Fahrt mit den Fußgängern in der Nähe unterhalten kann) empfehlen uns besser gleich durch den Fluss zu fahren, das sei sicherer, eher bleibe man noch auf (oder in) der Brücke stecken. Es wird uns auch noch gezeigt wo wir im Fluss auf keinen Fall hinfahren sollten und schon zischen wir durch, mit dem Mut der Verzweiflung, das Wasser spritzt und es zischt und gurgelt und der Toyoto Corolla schwimmt fröhlich auf die andere Seite. Zwischenzeitlich haben wir den „Point of no return“ überschritten, wenn wir umkehren kommen wir in die Dunkelheit und damit auf den Autofriedhof, wenn wir weiterfahren ist uns auch eine Nacht in den Bergen gewiss. Aber mitten drinnen, dort wo die Kaffeeplantagen sind, dort gibt es auch ein Hotel für Wanderer, das könnten wir erreichen. Nur noch 10 Kilometer im Schritttempo und schon sind wir zwei Stunden später völlig erschöpft beim Hotel, es ist kühl auf ca 1000 Meter Seehöhe, und nach einem feinen Abendessen und einem Glas grauenhaften Rotwein fallen wir erschöpft ins Bett. Am nächsten Tag sehen wir erst, in welch atemberaubender Gegend wir genächtigt haben, der Blue Mountain Peak schaut ohne die übliche Halskrause aus Wolken auf uns herunter, rund um uns ist Alpin-Dschungel und schillernde Kolibris mit langen gepfeilten Schwänzen flattern um uns herum.  Von hier an wird die Strasse besser und die Einheimischen zollen uns Anerkennung dass wir die Strecke von der anderen Seite her gemeistert haben (wir haben nun das Cedar Valley Driving Certificate). Am Heimweg kaufen wir noch Kaffee direkt von der Plantage, Kleinbauern ernten hier in dem unwegsamen Gelände die kostbaren roten Beeren, der Kaffee wird per Hand geschält und über dem Feuer in kleinsten Mengen geröstet. Voller Stolz erklärt uns der Kaffeebauer den ganzen Ablauf und wir decken uns dann mit dem köstlichen Blue Mountain Coffee ein, einfach großartig.

Bei der Rückgabe des Mietautos vereinbaren wir einen Zuschlag von 100 US Dollar, damit ist die verspätete Rückgabe, die verbogene Felge und der leicht demolierte Kotflügel (ganz ohne Schäden ist es diesmal nicht abgegangen) abgegolten. Alle sind wir damit zufrieden, „Relax, my friend, I told you, there will be no problem“ hat mir der liebenswürdige Vermieter noch mitgegeben 😊.

Sascha und Julian besuchen mit dem Route Taxi die schönen Strände im Osten Jamaicas während Tadeja und ich uns um das leibliche Wohl kümmern. Die Marina in Port Antonio ist winzig klein und sehr gepflegt, die netteste Marina in der wir je waren. Die Gegend um Port Antonio gefällt uns sehr gut, der Tourismus ist sanft, es landen hier nur selten Kreuzfahrtschiffe und wir treffen herzliche und liebenswürdige Menschen.

Nach ein paar Tagen geht es weiter die Nordküste entlang, es gibt ausreichend geschützte Ankerplätze, besonders gefallen hat mir die Ocabessa Bay, aber auch in der Montego Bay haben wir ruhig vor dem Yacht Club geankert, von dort aus mussten dann nach zwei sehr schönen Wochen Sascha und Julian wieder zurück nach Wien.

Noch nie sahen wir so viele Kreuzfahrtschiffe wie auf Jamaica (Ocho Rios und Montego Bay), und das bleibt nicht ohne Auswirkungen auf unser Wohlbefinden, wo die Kreuzfahrtschiffe anlegen da sind die Fahrtensegler irgendwie fehl am Platz. Wenn auf einen Schlag mehrere tausend zahlungskräftige und -willige Touristen einen Hafen stürmen dann geht die ganze Tourismus-Maschinerie so richtig los. Riesige Party-Katamarane mit ohrenbetäubendem Lärm zischen herum, Big Game Fischer sausen aufs offene Meer und die Einheimischen versuchen fast aggressiv sich ihr Stück vom großen Tourismuskuchen abzuschneiden. In kleinen Becken machen die Delphine ihre Kunststücke, am Fährterminal spielt eine verkleidete Karibik-Band, Souvenier-Stände mit karibischer Handarbeit „made in China“ wachsen wie Schwammerl aus dem Boden und die Preise erreichen ein schwindelerregendes und eigentlich unseriöses Niveau das wir uns nicht mehr leisten wollen. Als Tourist wird man hier als Freiwild angesehen, das möglichst effizient ausgenommen werden soll. Als Eintrittspreise haben sich 20 USD pro Person etabliert, ob fürs Vögel beobachten, fürs Spukhaus der Annie Palmer oder für einen Wasserfall, überall werden Unsummen für verhältnismäßig wenig Gegenwert verlangt.  Die großen und kleinen Antillen sind landschaftlich wunderschön, aber teilweise vermissen wir auf den Inseln Lebensfreude, Gastlichkeit, Kultur und Sinn für Schönheit. Zu viel leicht ausgegebenes (amerikanisches) Touristen-Geld hat das Geschäft zu groß werden lassen, das Verhältnis zwischen Preis und Leistung ist dabei aus dem Ruder gelaufen.

Wir haben hier wunderschöne Orte gefunden, liebe Menschen (und nicht nur andere Segler) kennengelernt, Abenteuer erlebt und Landschaften von so großer Schönheit entdecken dürfen dass wir diese Eindrücke für immer in unseren Herzen tragen werden, wir haben aber auch die zerstörerische Komponente eines radikalen Tourismus sehen können und die Entwurzelung und die Achtlosigkeit erleben müssen. Und so werden uns diese Inseln als gefallenes Paradies in Erinnerung bleiben, von dem wir uns nun ohne Wehmut verabschieden.

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Isla Beata und Haiti

Wieder alleine an Board lichten wir bei Sonnenaufgang den Anker in Barahona und segeln zur Südspitze der Dom Rep, zur Isla Beata.  In vier Meter Wassertiefe gräbt sich der schwere Rocna tief in den feinen Korallensand, wir sind die einzige Yacht hier. Der kräftige Passat weht über die flache Insel hinweg und rüttelt am Schiff, aber das in allen blau und türkis-Schattierungen leuchtende Wasser ist ruhig, und wir genießen den friedlichen Platz vor dem palmengesäumten Fischercamp.

Dass wir hier endlich in einer neuen Welt angekommen sind das sehen wir erst am nächsten Tag beim Landgang. Fast neuntausend Meilen sind wir seit der Türkei unterwegs, aber bis auf Tobago und die Kap-Verden waren wir immer in touristisch gut erschlossenen Gebieten, mit allen Vor und Nachteilen. Auch wenn einsame Flecken dabei waren, immer war eine Grundinfrastruktur greifbar und wir sind auch viele touristisch ausgetretene Pfade gewandert. Hier ist es plötzlich anders, und das berührt uns.

Hier gibt es kein Fließwasser und keinen Strom aus der Steckdose, keine Kriminalität, keine Straßen und keine Autos, gekocht wird am offenen Feuer in dunklen Küchenhütten und am Strand, interessante Solarpanel-Konstruktionen und alte Autobatterien sorgen für Elektrizität. Knapp hundert Fischer leben ganzjährig hier, einige wenige Frauen, keine Kinder, nur wenn ein Hurrican Gefahr bringt wird die Siedlung vorübergehend verlassen. Es gibt ein paar feste Hütten, darunter sogar einen „Market“ mit ein paar Konserven und viele aus Blech, Plastik und Holz abenteuerlich zusammengestückelte Unterstände, auch ein paar in den Fels gehauene Höhlen mit Plastikplanen und Matten als Eingang. Der weiße Palmenstrand ist voller schöner Schneckenhäuser, ausgebleichte Conch-Schalen sind als Verzierung kreisförmig um die Palmen-Stämme gelegt, es ist vor den Hütten und am Strand sauber, der Müll wandert nach hinten in das Buschwerk. Wie überall in der Dom Rep gibt es auch hier einen Stützpunkt der Armada, die freundlichen Wächter kommen sogleich an Board, unser Despacho wird kontrolliert und das kleine Geschenk entgegengenommen, und auch wenn wir schon offiziell ausgereist sind dürfen wir zwei Tage hier bleiben und auch an Land gehen. Wir machen einen Schritt in die Vergangenheit und in die Zeit vor dem Tourismus, auf unserem Spaziergang durch das Dorf werden unsere Grüße von allen freundlich erwidert, wir fühlen uns fremd aber willkommen. Überall spazieren riesige Leguane herum, beseitigen die Fisch- und Essensreste und streiten um besonders schöne Bissen, kleine Drachen als Haustiere. Ein paar Hühner mit den Küken scharren im Sand und auch ein Hund und eine Katze ergänzen den exotischen Bauernhof. Und Fisch gibt es, zwischen den Palmen hängt er zum Trocknen, in allen Größen und Formen, riesige Doraden werden in das Boot verladen, das den frischen Fang  aufs Festland zu den Fischhändlern bringt. Der alte Fischer Juan, der von seiner Zeit auf der Universität auch noch etwas Deutsch und recht gut Englisch spricht, bringt uns vier fangfrische Lobster, die auf der KALI MERA sofort gegrillt werden, ein Abendessen der Extraklasse. Wir revanchieren uns bei Juan mit einem ausgedienten Solarpanel und einigen Getränken. Zwei Übernachtungen bleiben wir hier, einen Abend verbringen wir an Land und „gehen Essen“, es gibt gebratene Kochbananen und Fische, gegessen wird mit den Fingern und der Fisch schmeckt köstlich. Die Atmosphäre hier verzaubert uns, und wir würden gerne noch ein paar Tage hierbleiben, aber schon bald bekommen wir in Jamaica Familienbesuch und wir müssen weiter.

Aber noch geht es nicht in die Zivilisation zurück, die nächste Station ist die Ile A Vache, eine kleine Insel an der Südspitze von Haiti, ca. 140 sm entfernt, eine Nachtfahrt bei kräftigem Passat mit bis zu 35 Knoten und hohen Wellen. Abends entdecken wir einen blinden Passagier, ein Seevogel mit langem spitzen blauen Schnabel hat es sich am Dinghi direkt hinter dem Cockpit bequem gemacht und beschlossen, mit uns nach Haiti zu segeln. Tadeja erlaubt es und putzt dann am nächsten Tag, als uns der völlig zutrauliche Vogel bei Sonnenaufgang wieder verlässt, auch die gewaltige Sauerei weg, die das Vieh hinterlassen hat, dürfte wohl seekrank geworden sein, die gefiederte Landratte.  In der Mittagssonne, bei der man ohne die Reflexionen die Riffe gut sieht, laufen wir Ile A Vache an (die Seekarte ist hier nicht mehr verlässlich), manövrieren zwischen den Untiefen in die geschützte Bucht und werden sofort von eine Armada an Burschen in Einbäumen umringt, die unser Boot waschen, Diesel organisieren, Geld wechseln, Internet bereitstellen und was weiß ich auch immer für uns tun möchten. Nichts davon brauchen wir, und habe ich geduldig einen abgewehrt, so nimmt sofort der nächste seinen Platz ein. Alle sind freundlich, aber wir sind hundemüde und wollen nicht eine Stunde lang willkommen geheißen werden. Auf Haiti werden wir nun noch weiter zurück in die Vergangenheit geschickt, auch hier gibt es keine Autos, keine Straßen, Transportmittel sind Pferde und es gibt ein paar Mopeds als Taxi. Aber hier fehlen auch die stabilen Fischerboote mit ihren starken Außenboardern, Einbäume und traditionelle Segelkanus regieren hier das Wasser.  Die Boote mit ihren überdimensionierten Großsegeln werden mit kleiner Crew gesegelt, dienen zum Waren und  Personentransport und natürlich zum Fischen. Es ist ein Vergnügen diesen Segelmeistern zuzusehen! Die Boote sind aus Holz (und diversen Sperrmüllteilen) zusammengesetzt, bei einem Segel sieht man, dass es in grauer Vorzeit einmal eine Bavaria 38 geziert hat (wohl Kaperbeute, Haiti ist ja laut Segelguide nur was für „abenteuerlustige Cruiser“ und außerdem würde man im Hafen am Festland normalerweise überfallen, hier ist wohl die wunderbare Ausnahme).

Montags und Donnerstags ist hier Markttag, wir kommen am Donnerstag an, also nichts wie hin. Wir gehen zu Fuß, verlaufen uns natürlich und wandern fast zwei Stunden über die Insel bis wir den Markt erreichen. Bestens vorbereitet auf die Expedition wissen wir weder wie der Ort heißt, an dem der Markt stattfindet, noch wie man genau hinkommt, sind so naiv dass wir denken es wäre wohl irgendwo angeschrieben, dann spricht die Landbevölkerung auch nur französisch und wenn wir in eine Richtung deuten und „marche“ rufen dann stimmen alle begeistert zu. Um uns nicht zu verunsichern versuchen wir das Ganze nicht auch noch mit einer anderen Richtung, weil auch dort würde es sicher passen. Es ist glühend heiß und wir können stolz die Erstentdeckung verschiedener Dörfer für uns verbuchen die vor uns wohl noch keine bleichgesichtige Menschenseele betreten hat, bis wir endlich den Markt erreichen. Dieser ist ein unglaubliches Tohuwabohu, eine Art teilüberdachte Plastik-Flaschen-Müllhalde auf der viele Verkäufer wenig verkaufen, es gibt halt fast nichts, aber die Atmosphäre ist erlebenswert. Zurück lassen wir uns dann von einem Moped chauffieren, wir sind hundemüde und müssen nach der Nachtfahrt in die Koje.

Leider müssen wir einklarieren, wir haben gehofft, um die Prozedur herumzukommen, aber die Immigration ist erbarmungslos, die Behörden sitzen am Festland und dort sollen wir vorstellig werden. Wir bleiben aber hier und lassen uns das vom (selbsternannten?) „Harbour-Master“ erledigen, kostet 20 USD, dazu kommen noch Hafengebühren und Immigration Fees von weiteren 50 USDs, das hätten wir uns gerne erspart. Ungern aber doch geben wir Schiffspapiere und Reisepässe her und hoffen, dass wir diese wiedersehen, wäre ziemlich unangenehm hier auf Haiti ohne Papiere festzusitzen. Natürlich kommt der Bursche am nächsten Tag mit unseren Pässen nicht wie vereinbart zu Mittag zurück sondern erst am Abend, aber wir erhalten alles wieder retour und neue Stempel sind auch in den Pässen.  Etwas auf die Nerven gehen uns anfangs auch unsere ständigen Besucher mit ihren Einbäumen, die an der Bootswand kleben, in den für sie unvorstellbaren Luxus schauen, und einfach irgendetwas haben wollen, von Seilen über Schreibblock und Kugelschreiber, sie brauchen alles. Wir bedauern, dass wir nicht ausreichend Schulhefte für die Kinder mitgenommen haben (Schule kostet hier Schulgeld, aber alle wollen lernen und sich weiterbilden um später eine Chance zu haben, was für ein Unterschied zu daheim, wo die Schule ein notwendiges Übel ist, hier sind sie stolz darauf in die Schule gehen zu dürfen, die Jugendlichen sprechen überwiegend neben französisch auch englisch und sogar ein wenig spanisch), das wären schöne Geschenke die wir gerne hergeben würden.

Letztendlich gewöhnen wir uns an unsere jugendlichen Begleiter, plaudern mit Ihnen und erfahren wie sie hier so leben, welchem Onkel welches Segelkanu gehört und wer den Einbaum aus dem Mango-Stamm geschnitzt hat, und wir beginnen einen regen Tauschhandel und beschenken die Freundlichen (für manche sind es wohl reiche Ostergeschenke). Wir haben keine Dollars mehr und trennen uns von alten Leinen, ausgedienten Taucherbrillen, unseren alten Schwimmwesten, einem alten Handy fürs Heimatmuseum, Handy-Ladegeräten, Frisbee, Ohrenstöpsel, Schirmkappen, aber auch dem Orangensaft aus Martinique im Austausch gegen den Fang der Fischer, Trinknüsse und einige strahlende Boat-Boy-Gesichter.

Wir werden von eingetauschten Lobstern überschwemmt, ich koche die Krustentiere sofort und bald freuen sich neun fein säuberlich ausgelöste Lobster-Schwänze darauf, am Abend  Hauptdarsteller bei den Spaghetti di Mare zu werden, am nächsten Tag wird die frische Ladung von Tadeja zu Langusten-Curry verarbeitet, wir kochen für den Tag auf See vor und auch ins Tiefkühlfach wandert etwas. Wie üblich essen wir bescheiden und gesund, lokal, saisonal und günstig J

Mark, unser persönlicher jugendlicher Guide, führt uns durch sein Dorf, die hübschen windschiefen Häuser sind bunt, sauber und von kleinen Gärten umgeben, manche richtig schön gepflegt, zwischen den Häusern laufen zottelige Schweine, Hühner, Ziegen, Schafe und auch ausgerissene Maultiere herum, Pferde und Kühe weiden auf der Alm über dem Dorf, nur die Palmen passen für die Bergidylle nicht so gut ins Bild. Wir sind überrascht, dass der übliche Müll nicht herumliegt, der wird wohl außer Sichtweite entsorgt. Als wir dann eine Wanderung über die Bergkuppe machen und auf der anderen Seite zum Meer gelangen, da stehen wir plötzlich in einer anderen Welt – ein unglaublich schöner Traumstrand mit einem gepflegten kleinen Feriendorf, Hubschrauber-Landeplatz und einer Handvoll käseweißer Badenden, welch ein Kontrast, damit haben wir nicht gerechnet. Am Abend kommen unsere Freunde und Handelspartner sich noch verabschieden und mit Sonnenaufgang geht es dann weiter Richtung Jamaica.

 

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Dominikanische Republik

Wollte ich die Dominikanische Republik mit ein paar Worten umschreiben, fällt mir zunächst ‚das Leben berühren‘ und ‚mit Mensch und Tier auf Tuchfühlung gehen‘ ein; dann lebensfrohe Menschen, die oft sehr wenig besitzen, seltene Touristen und trotzdem Bestechungsgelder, bizarre Natur und wundersame Tierwelt. Und dass ein freundliches Lächeln alle Tore öffnet…

Nach einer erschöpfenden schaukeligen Nacht- und Tagfahrt legen wir am Zollpier im völlig ruhigen Wasser der Marina Boca Chica an. Wir dürfen erst von Bord, nachdem streng dreinblickende Zollbeamte wieder von Bord gegangen sind, die zwar freundlich, aber bestimmt alle Geheimfächer durchstöbert und sich wieder getrollt haben. Als Zeichen ihrer Macht haben sie sich ihre schweren Militärschuhe natürlich nicht ausgezogen. Grrr…

Schon am selben Abend bekommen wir Besuch von Sabine und Thomas aus der Heimat. Kaum angekommen, bekommen sie die unfeinen Seiten dieses Landes zu spüren – ein Auffahrunfall mit ihrem Montagsmietwagen, zwar ohne Personenschaden, dafür mit Fahrerflucht (die Polizeiberichtbeschaffung war eine wahre Odyssee!), Rückspiegeldiebstahl am Parkplatz vor dem Hotel, wieder Polizeibericht, und dann noch ein Verkehrspolizist, der sie beschuldigt, bei Rot über die Kreuzung gehfahren zu sein und ihnen erst nach Bezahlen einer saftigen Propinita (zu Deutsch: Bakschisch) weiterfahren lässt…

Dafür sind wir von der Marina und ihrem beschwingten, hilfsbereiten Team richtiggehend begeistert, außerdem ist sie wunderschön hinter einem langgezogenen Riff gelegen, wobei man fast das Gefühl hat, in einer Bucht zu liegen. Hier können wir unser Schiff ruhigen Gewissens zurücklassen, während wir das Land erkunden.

Weil wir wie die Einheimischen reisen wollen, besteigen wir den Bus zur Hauptstadt Santo Domingo, ein sogar im Innenraum kunterbuntes Gefährt in blau, pink und gelb – als einzige Weiße eingepfercht unter lauter Einheimischen – Herbert hat es wahrscheinlich gefallen, war er doch von lauter jungen Mädchen umringt! Die koloniale Altstadt ist klein aber bezaubernd, und wir lassen uns treiben. Den Zoo und den botanischen Garten teilen wir uns auf – jeder für sich nimmt mehrere Stunden in Anspruch. Dieser Zoo ist eine 8 ha großen Naturanlage – die Tiere haben hier wirklich viel Platz, und können sich auf dem Gelände teilweise völlig frei bewegen. Noch nie haben wir Flusspferden in die Nasenlöcher geschaut, noch nie ist mir ein Straußenvogel mit aufgepustetem Gefieder Modell gestanden, habe ich Affen zwischen exotischen Enten nach Lust und Laune herumlaufen sehen. Ein schwarzer Panther sieht mir aus fünfzig Metern Entfernung lange direkt in die Augen, während sich Dromedare, Bisons und Büffel weniger beeindruckt geben, und auch die Flamingos lassen sich bei ihren Nachbars-Streitereien nicht von uns stören. Für die vom Aussterben bedrohten Spitzmaulkrokodile und bestimmte Leguane gibt es hier sogar eine Aufzuchtstation.

Den tierischen Höhepunkt aber erleben wir mit den Walen in der freien Natur. Schon das Taxi besorgen wird zum Abenteuer. Eigentlich hätte es uns zugestellt werden sollen, stattdessen werden wir abgeholt und irgendwohin gefahren, ohne vorher Sabine und Thomas Bescheid geben zu können. Dort erfahren wir den Grund – die Versicherungspapiere sind leider an genau diesem Tag zu Mittag abgelaufen, ein Junge mit einem Moped sei schon unterwegs. Dabei wird es schon dunkel! Nach anderthalb Stunden ist der Papierkram endlich erledigt und wir finden sogar auf Anhieb die Marina wieder. So auf Anhieb geht es am nächsten Morgen leider nicht – gleich am Anfang übersehe ich den winzigen Wegweiser und damit die Ausfahrt von der Autobahn nach Samana, immerhin wegen der Wale eines der größten Tourismuszentren der Insel! Das bedeutet einen Umweg von einer halben Stunde. Wir haben ja genügend Puffer! Uups – noch einmal daneben – es wäre doch durch die Unterführung gegangen! Beim dritten Anlauf machen wir noch einmal einen ungewollten Abstecher durch eine Barackensiedlung über Feldwege, als wären sie für eine Endurostrecke präpariert – endlich auf der richtigen Straße, nur ist jetzt der Puffer weg! Wir rasen durch den Regen von der Süd- auf die Nordseite der Insel, wo das Walbeobachtungboot nur noch auf uns viere wartet. Wie schön, dass es hier auf ein bisschen Warten eben nicht ankommt!

Jedes Jahr geschieht hier ein Wunder – alle Buckelwale der nördlichen Halbkugel kommen zur Paarungszeit in die Bucht von Samana, was uns Gelegenheit gibt, sie hautnah zu beobachten. Mit einem umsichtigen Forschungsteam werden wir zu ihnen hinausgefahren. Trotz Regen und Riesenwellen, was die Sichtung natürlich behindert, haben wir das Glück, auf eine Mutter mit ihrem Walbaby zu stoßen, das gerade in bester Spiel- und Springlaune ist – direkt vor uns hechtet es mit seinen rosa Flossenarmen ein paarmal aus dem Wasser und lässt sich mit einem großen ‚Platsch!‘ auf den Rücken fallen. Die Mutter ist immer in der Nähe und wuchtet ihren massigen Rücken beim Atemholen aus dem Wasser. In Spannung halten wir unseren Blick aufs Wasser gebannt, um den nächsten Blas, wodurch sie geortet werden, nicht zu versäumen. So nah an diese Urzeitriesen heranzufühlen, erfüllt uns irgendwie mit Ehrfurcht vor dem Leben und der Natur!

Den Kopf voller Eindrücke der farbenprächtigen Natur, mit dem Nachgeschmack eines feinen Gourmet-Abendessens im Mund und den Kofferraum gefüllt mit buntem frischem Obst und Gemüse und fangfrischem Fisch, den uns Fischer direkt am Strand mit viel Geschick filetiert haben, verlassen wir Samana wieder.

Der Bürokratie aber entkommen wir in diesem Land nicht, nicht einmal per Schiff. Bevor wir die Marina verlassen, werden wir noch einmal inspiziert und sanft darauf hingewiesen, dass ein kleines Regalito (Geschenklein) für die mühevolle Arbeit angebracht wäre. Na gut, er kriegt einen kleinen Rum, so restlos zufrieden ist er aber nicht. Pech gehabt! Außerdem braucht man ein Despacho – eine Genehmigung zur Befahrung der inländischen Gewässer. Die gilt aber nur bis zum nächsten Zielort, den man natürlich angeben muss. Kaum ankert man arglos vor einem Dörfchen, tauchen am Strand von irgendwoher uniformierte Beamte, die einen heranwinken, das Despacho mitnehmen und versprechen, dass man vor der Abfahrt nur zu ihrem Büro kommen muss, und schon bekommt man ein Neues ausgestellt. Das erste Mal sind wir sehr misstrauisch, aber es blieb uns nichts Anderes übrig. Wir können es kaum fassen, tatsächlich geht alles glatt! Bis zum nächsten Ankerplatz, und bis zum nächsten! Wir lernen eine Menge Beamte und Büroräumlichkeiten, die an einen Rohbau erinnern, kennen, wo alles bis auf den Stempel händisch in linkischer Schreibweise und mit unendlich viel Zeit erledigt wird. Dafür kümmert sich der Beamte aber auch darum, dass wir zum Beispiel frischen Fisch vom Fischer nebenan bekommen und jemand Obst mit dem Mofa für uns holt. Mit der einen Hand auf der Lenkstange, in der anderen einen schweren Bund Bananen händigt er ihn uns übers ganze Gesicht strahlend aus. A su orden – immer zu ihrer Verfügung!

Zwischendurch ein Dünenspaziergang in den Salinen, wo uns heißer Sand die Fußsohlen verbrennt, windgeschützte Buchten, deren Stille nur durch unser Gespräch gestört wird und Vögel, die unser Schiff umkreisen.

In Barahona, dem letzten gemeinsamen Ankerplatz empfangen uns die Beamten gleich zu viert, und alle wollen sie auf unser Schiff mit unserem Dinghy gekarrt werden – sie haben eigentlich nirgendwo ein eigenes Boot. Wozu auch?! Ivan vom Passamt, der Hauptorganisator, sichert gleich mal für alle ein Bier – aus unserem Kühlschrank. Na gut. Ja, der Ausflug zum Lago Enriquilla – das geht halt auch nur über ihn – irgendwer borgt ihm sein Auto, fahren und kassieren tut er. Die anfängliche Schärfe weicht langsam von ihm, je länger wir uns unterhalten. Meine Spanischkenntnisse zeigen wieder einmal ihre bahnbrechende Wirkung – und das Programm für die nächsten und gleichzeitig letzten gemeinsamen Tage steht fest. Noch dazu darf er Sabine und Thomas zum Flughafen bringen. Alles in allem kann er sich über einen guten Zusatzverdienst freuen.

Der Lago Enriquillo ist ein Salzsee und liegt 40 m unter dem Meeresspiegel. Vor einigen Jahren begann der Wasserspiegel aus unbekannten Gründen zu steigen an, überschwemmte fruchtbares Land und die angrenzenden Dörfer. Die Menschen mussten umgesiedelt werden und sich eine neue Lebensgrundlage suchen. Das Wasser zieht sich seit 2013 zwar wieder langsam zurück, doch hat der hohe Salzgehalt – gleich dreimal so salzig wie das Meer – die Reis- und Getreidefelder, die Bananenplantagen und Gärten verwüstet. Jetzt starren nur noch salzweiße Baumreste bizarr aus dem See, so dass man meinen könnte, die zauberhafte Märchenwelt der Schneekönigin betreten zu haben. Unter der Wasseroberfläche leben an die 400 vom Aussterben bedrohte Spitzmaul-Salzwasserkrokodile, die über 4m lang werden können. Mit einem Boot werden wir zu ihrem bevorzugten Rückzugsgebiet gefahren und erblicken hie und da die herausgestreckte Nase des Urreptils. An Land lebt ein anderes urzeitliches Drachenwesen, der Leguan – sie lassen sich von uns füttern und kommen zu fünft, zu sechst auf einen halben Meter heran, um ein Stück Brot zu ergattern. Da kann man sich an ihnen einmal so richtig sattsehen.

Für den nächsten Tag stehen die Minen des Larimar am Programm. Hier im nahegelegenen La Florentina befindet sich die weltweit einzige Abbaustätte des hellblauen Halbedelsteins. Für Sabine und mich ein Muss – und Ivan muss etwas überlegen, wie er uns in dieses unwegsame und Gefahren bergende Gebiet bringen soll. Am Fuß des Berges steigen wir um in einen ziemlich verbrauchten allradgetriebenen Pick-up und werden gemeinsam mit ein paar Arbeitern die holprige, unbefestigte, steinige und staubige steil ansteigende Straße durch sieben Klimazonen hindurch zu den Einstiegsstollen am Berg gebracht. Immer wieder werden wir von jungen Burschen auf ihrem tagtäglichen Weg zur Arbeit auf ihren Mopeds überholt, die zu zweit wie Endurofahrer mit den Straßenlöchern und dem Staub ringen – nicht auszudenken, wie es während der Regenzeit hier zugehen mag. Mitten in einem Arbeitsdorf, das aus wackeligen Blechhütten besteht, hie und da mit einer Feuerstelle, auf der schwarze Töpfe erhitzt werden, steigen wir von der Ladefläche. Wo sind wir hier gelandet?! Wie im Film aus einem anderen Jahrhundert! Überall stehen junge Burschen herum, die auf ihre Schicht warten, manchmal mit einer verstaubten Bohrmaschine, manchmal nur mit einem Hackeisen ausgestattet, hie und da bringen sie schwitzend eine Scheibtruhe voll Abbruch aus den Tiefen ans Tageslicht. Es gibt eigentlich keinen Strom und kein Fließwasser, die Stollen aber, in denen gerade gearbeitet wird, werden durch Generatoren mit Licht und Luft versorgt. Lange Rohre führen in die zwischen fünfzig und hundertfünfzig Meter tiefen Schächte hinab – der Blick lässt uns erschauern. Die Arbeiter werden nur an einer Schlaufe befestigt in die notdürftig befestigten und sehr engen Schächte hinuntergelassen, wo der Larimar aus dem Gestein gehauen wird. Sie arbeiten in kleinen Gruppen zu zweit oder zu dritt und werden nach der geförderten Menge entlohnt – und zwar allein des Larimars, der erst aus dem Muttergestein herausgelöst werden muss. Ein paar lausige Pesos kriegen die Burschen für die Ungewissheit, wieviel des kostbaren Minerals sie heute heraufbefördern werden und ob sie überhaupt aus dem Stollen zurückkommen. Immer wieder gibt es tödliche Unfälle, die Schächte brechen ein, und die darin Eingeschlossenen sind dem Tod preisgegeben. Wir kommen uns vor wie im Mittelalter. Sogar Ivan ist erschüttert.

Wir lassen unseren letzten gemeinsamen Abend bei Thunfisch-Steaks mit geröstetem Sesam ausklingen. Am nächsten Morgen heißt es Abschied nehmen – aber nur bis zum Sommer!

Wir beide beschließen, für unsere letzten 800 Pesos einkaufen zu gehen – schon bald stehen wir vor der Obst- und Gemüsestraße – Mensch und Ware sind zum Teil am Boden drapiert, zum Teil dienen einfache und windschiefe Holzgestelle als Stand. Das Obst und Gemüse ist ansprechend und für das wenige Geld erstehen wir so viel, dass wir es gerade noch tragen können – die nächsten Tage sind kulinarisch gerettet!

Dafür werden uns beim Ausklarieren noch einmal 20 $ abgeknöpft, für die wir nur widerwillig und unter Androhung der Embajada (Botschaft) – angeblich das einzige, wovor sie sich fürchten – eine Rechnung ausgestellt bekommen, sonst wäre das Geld unbemerkt in irgendeinem Hosensack verschwunden. Alles nur ein freundliches Spiel – oder?

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Mona Passage

Wir genießen noch die außergewöhnlich schönen Ankerplätze an der Südküste Puerto Ricos, zauberhafte ruhige Winkel hinter riesigen Riffen, zwischen den Mangroven in seichtem türkisblauen Wasser. Eine nächtliche Expedition führt uns mit dem Dinghi bei schwarzer Dunkelheit in die Bahia Fosforescente. Myriaden an leuchtenden Einzellern wohnen dort und schalten ihre kleinen Positionslichter ein, als wir durch die engen Mangrovenarme paddeln. Tadeja wagt sich ins Wasser und schwimmt, von einer leuchtenden Aura umgeben, durch die magische Nacht.  Hier würden wir gerne noch einige Zeit bleiben, Puerto Rico hat uns in seinen Bann gezogen, aber wir bekommen Gäste in der Dominikanischen Republik und müssen weiter.

Zwischen den beiden großen Inseln Puerto Rico und Hispaniola (Dom Rep und Haiti) liegt eine 80 Seemeilen breite Meerenge, die Mona Passage. In der Mitte befindet sich die Insel Mona, ein schachtelförmiges flaches Eiland, auch Galapagos der Karibik genannt. Und rundherum pflegt hier das Wetter und das Meer verrückt zu spielen, starke Strömungen aus allen Richtungen, schwere Böen und hoher Seegang. Der Passat sucht sich hier seinen Weg zwischen den beiden Landmassen, der Seegang kommt von Norden und Süden in die Passage, und die hohen Berge Puerto Ricos sorgen für die zusätzliche Würze durch die Fallwinde.  Wir drehen und wenden den Wetterbericht, aber es gibt anscheinend keinen Tag, der für uns wirklich gut passt, der sowieso schon kräftige Passat wird noch einmal kurz zulegen und dann soll es plötzlich für einige Tage schwachwindig werden. Die ersten Meilen wird der Wind durch die Abdeckung Puerto Ricos sowieso nicht über 12 Knoten gehen, für uns zu wenig wenn er achterlich kommt, dafür aber weiter draußen in der Nacht und am nächsten Tag kräftig zulegen. Wir entscheiden uns also noch am späten Abend abzulegen, um 2200 gehen wir Anker auf und motoren in die schwarze Nacht. Der Wind weht nach Plan, aber dem Seegang ist das völlig egal, kaum sind wir aus der Abdeckung der Bucht, bauen sich Wellenberge auf, aus allen Richtungen stürzen sie auf uns ein und spielen mit der kleinen KALI MERA Fußball.  Wellenmannschaft Süd versucht sie möglichst weit in den Norden hinaufzutreiben, Wellenmannschaft Nord gibt ihr – wo sie sie nur erwischen kann – einen Tritt nach Süden und zu allem Überfluss kommen dann auch noch Mitspieler von Osten aufs Spielfeld, um ihr ein Bein zu stellen, wenn sie einmal wieder in Fahrt kommt. Wir werden durchgeschüttelt, Tadeja zieht in die Lotsenkoje im Salon und ich polstere mir den Cockpit-Boden aus und verklemme mich dort.  Im Schiff ist alles bestens gesichert, dennoch kracht und scheppert es in den Schapps und dummerweise auch im Kühlschrank, dieser kocht sich sogar selbstständig Eintopf aus seinen Innereien. Beim Aufputzen der Sauerei mitten in der Hochschaubahn ist dann mein seeganggewohnter Magen beleidigt. Als nach Mitternacht der Wind auf 25 Knoten zunimmt, wird zwar der Seegang noch ungemütlicher, aber die KALI MERA stabilisiert sich ohne Motor mit der großen Genua. Bei hohen Wellen und achterlichem Wind brauchen wir einfach ausreichend Vortrieb, damit das Segel nicht einklappt und sich mit einem lauten Schnalzen wieder entfaltet, wenn uns eine Welle stark seitlich ablenkt. Um dieses Schlagen zu vermeiden (da zieht es mich nämlich jedesmal so richtig zusammen, als ob ich selbst eine Ohrfeige bekommen hätte) kreuzen wir dann meistens auf raumen Kurs vor dem Wind, das ist zwar etwas weiter, schont aber das Schiff und uns.

Diese Nacht bekommen wir so gut wie keinen Schlaf, manchmal dösen wir in der Pause zwischen zwei Waschprogrammen kurz ein, aber spätestens beim Schleudergang sind wir wieder voll da. Am nächsten Tag rauscht die Angel aus, ein riesiger Mahi Mahi ist am Haken, ein wunderschöner leuchtend goldschimmernder Fisch, gut 20 Minuten kämpfe ich um ihn ans Schiff zu bringen, als er dann endlich nur noch einige Meter entfernt ist macht er noch einen großen Sprung, reißt den Haken aus und ist wieder in Freiheit (und in meinem Kopf klappt sich das Kochbuch wieder zu, aber am Tag darauf hüpft und ein schöner Thun ins Boot und alles ist wieder ok).  Als wir uns dann gegen Mittag der Süd-Ost-Spitze der DR nähern wird der Wellengang homogener, die Kreuzwelle ist vorbei und es ist noch ein sehr entspannter Segelnachmittag, nach dem Kap bei der Insel Saona kommen wir sogar ins ruhige Wasser und sausen auf halbem Wind mit über neun Knoten dahin. Die KALI MERA scheint sich über diesen Abschlussgalopp richtig zu freuen und gibt noch einmal richtig Gas, das Ächzen, Krachen, Stöhnen und Schlagen ist verschwunden, ruhig zischen wir mit guter Krängung durchs Wasser und lassen einen langen, in der Abendsonne glitzernden, Gischtstreifen hinter uns, ein Hochgenuss. Dann fällt der Anker vor der Palmenküste Saonas in der Dominikanischen Republik und wir holen den versäumten Schlaf nach.

 

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Tulipan Bäume, ferne Galaxien und ein Jeep

Wo sollen wir anfangen, dieses spannende Land zu entdecken?! Die Panorama-Route, die Hauptstadt San Juan, die Berge, den Regenwald, den Osten, den Westen, den Norden und Süden wollen wir sehen!

Das Schiff liegt sicher im Hafen, die Wäsche ist gewaschen, die Rucksäcke sind gepackt und der Jeep steht bereit.

Nichts wie los, quer durch die Mitte über die Panorama-Route – aber nicht ohne Finger auf der Landkarte, denn es gibt so gut wie keine Wegweiser, die Straßen sind hier alle nummeriert, führen alle paar Kilometer eine neue Zahl wie etwa 219, 167, 899, 6899, dann wieder 104.  Ohne Lupe findet man sich in diesem Dschungel unmöglich zurecht!

Die Panorama-Route hat ihren Namen verdient – die Augen gehen uns über von all dem Grün, den mächtigen Bäumen, den mit roten Blütenblättern übersäten Straßen. Die stammen von meinem Lieblingsbaum, dem African Tulipan. Sein glatter Stamm wächst hoch hinaus über den Regenwald und bildet oben eine breite Blätterkrone, von der große rote oder weich-orange tulpenförmige Blüten ihre Kelche senkrecht der Sonne entgegenstrecken und den Horizont rot färben.

Dann wieder verdichtet sich der Regenwald und die 15 Meter langen Bambusrohre bilden, in dicken Bündeln über der Straße zueinander gebeugt, einen grünen Domgiebel, durch den wir hindurchfahren; manchmal sind sie auch mit den Stromkabeln verwoben, an denen in kleinen Büscheln Orchideen vor sich hinwachsen; an anderen Stellen verhängen seildicke Lianen, die von uralten verwunschenen Bäumen baumeln, die Straße.

Dort, wo die Straßen eng werden, versprechen sie Abenteuer – über Serpentinen geht es steil nach oben, so steil, dass man meint, hintüberzukippen – manchmal müssen wir, um der Landkarte (und Herbert mir in der Rolle des Navigators) wieder vertrauen zu können, auch fragen, ob dieser Weg denn auch tatsächlich wo hinführt oder mitten im Himmel endet – und unsere Waghalsigkeit wird jedes Mal wieder belohnt. Es begegnen uns zwar nur wenige Autos, aber nicht dass wir meinten, die Straße gehörte uns allein, oh nein, auch Hunde, stolze Hähne mit ihrem Hennenharem, Rinder, Pferde und Leguane benutzen sie für ihre Alltagserledigungen – meist in unübersichtlichen Kurven…

Am Charko Azul (= blaue Pfütze) legen wir eine Pause ein. Die nach amerikanischer Manier sehr gepflegte Campinganlage um den kleinen See herum eignet sich gut, um die Reste von der gestrigen immer noch wunderbar duftenden Gemüsepfanne zu verzehren. Übernachten wollen wir in Barranquitas, dem Geburtsort des Nationalhelden Luis Muños Marín – auf das nette Zimmer mit Aussicht müssen wir allerdings etwas warten (und wir waren zum Trost nicht die Einzigen) – der sich in Nichts aufgelöste Besitzer kam erst mit einigen Stunden Verspätung mit dem Schlüssel daher. Das Panorama war tatsächlich umwerfend – und es war kalt wie es sich für richtiges Bergklima gehörte. Weil hungrig, machen wir uns auf Essenssuche – und finden, auf Empfehlung natürlich – das schlechteste lokal ever – EL Mofongo!!! Leider ungenießbar – dann schon lieber unsere mitgebrachten Käsebrötchen im Hotelzimmer.

Nach dieser Überdosis Natur zieht es uns in die Hauptstadt der Insel. Im Nu hat uns die Stadt in ihren Bann gezogen. Die von den Spaniern 1521 gegründete Altstadt San Juan Viejo, eingebettet zwischen den zwei Festungen El Morro und San Cristobal und dem Atlantik, sozusagen uneinnehmbar, bezaubert uns durch seine pastellfarbigen kleinen Palazzos, die an Italien und Spanien erinnern, alles ist sauber, gediegen, harmonisch – eine einzige wundervolle Komposition. Herbert liebt es, im romantischen Schatten der Regenwaldriesen, die das Stadtbild eindrucksvoll mitprägen, ein Weilchen zu lesen, während es mich in die Museen mit moderner als auch 500 Jahre alter Kunst zieht.

Den Höhepunkt unserer Erkundungstour bildet die Festung El Morro, die uns mit ihrer einzigartigen Lage mit voller Kraft fühlen lässt, wie sehr wir die Kultur und Ästhetik vermissen, die bei uns zu Hause so selbstverständlich ist, dass wir sie gar nicht mehr richtig wahrnehmen und sogar davor in die Natur fliehen. Wir beide, da sind wir uns ausnahmsweise einig, brauchen beides!  Nachdem wir das weitläufige Gelände und alle 6 Etagen der Festung brav abgegangen sind, haben wir uns einen herrlichen starken Kaffee verdient.

Die Menschen hier sind – wieder einmal – sehr anders als auf den Inseln bisher. Wohl amerikanisch beeinflusst – Puerto Rico gehört tatsächlich zu Amerika – sind sie überaus freundlich, entgegenkommend, betriebsam wie bei uns – die sonst so typische Lässigkeit fehlt völlig, der Tag beginnt nicht allzu spät und endet in den frühen Abendstunden – um 10 Uhr ist die Altstadt San Juan Viejo schon wie ausgestorben. Wir finden um neun gerade noch etwas zu essen – zum dritten Mal ein Mofongo (ein Nationalgericht aus Kochbananen kombiniert beispielsweise, wie hier, mit Garnelen) – das beste bisher.

Nach einem weiteren Wandertag durch die Stadt und zwei Tagen Hotelzimmer haben wir genug und beschließen, die Ausflüge vom Schiff aus zu unternehmen. Spät abends erreichen wir unser zu Hause – müde und voller Eindrücke lassen wir uns in die Betten fallen – wie gern wir unsere kuschelige Kali Mera haben!

Ein besonderes Highlight war der Besuch des Observatoriums von Arecibo. Es hat das größte feststehende Radioteleskop der Welt und einen Parabolspiegel von 300 m Durchmesser, der mitten in das Hochland Puerto Ricos eingegossen ist. Da ist sonst nichts. Von der Plattform aus bietet sich uns eine grandiose Aussicht auf das freischwebende Empfangs- und Sendesystem. Von hier aus sendet die Erde auch Botschaften, um eventuell existierendes Leben außerhalb unserer Hemisphäre auf uns aufmerksam zu machen. Man meint, zwischen Universen zu stehen und jeden Augenblick in Kontakt mit dem Weltall treten zu können – für mich ein Symbol für die Realisierung von Visionen und Träumen, das eine magische Anziehungskraft auf mich ausübt und ich mich vom Anblick kaum lösen kann. Alle Kinder von Puerto Rico werden im Laufe ihrer Schulzeit hierhergeführt und während der Führung dazu angeregt, Träume zu haben, große Träume zu haben – und dazu einen erfahrenen Lehrmeister, der ihnen bei der Umsetzung zur Seite steht! Hier wurden auch die Filme Golden Eye mit James Bond und der Film Contact mit Judy Foster gedreht.

Unsere Monstertour durch Puerto Rico führt uns weiter in die Höhlenwelt der Cuevas de Camuy, die von den Tainos, der hiesigen Urbevölkerung, als rituelle Plätze genutzt wurden. Für die Hintergrundmusik mit hohen Pfeiftönen zeichneten Coquis, winzige braune Regenwaldrösche verantwortlich. Von den Tainos sind auch andere Zeremonienplätze mit wiedererrichteten Ballspielplätzen und gravierten Steinen erhalten geblieben und natürlich von uns besichtigt worden. Auch die Kaffeeplantagensuche erwies sich, wie schon berichtet, als erfolgreich. Wenn es dunkel wird, kehren wir zur Kali Mera zurück und starten jeden neuen Tag von dort aus. Weil wir immer neue Straßen suchen, brauchen wir dann zum Beispiel zum Canyon San Cristobal anstatt der veranschlagten zwei gleich fünf Stunden. Wie haben sie diese Wahnsinnstrassen gebaut, die fast senkrecht hinauf bis zu den höchsten Berglandschaften Puerto Ricos führen? Wir wollen schon fast umdrehen, doch ermutigt durch seltene entgegenkommende Autos führen uns diese engsten und steilsten Straßen (wenn sie sich so nennen dürfen) durch Landschaften und an Orte, von denen wir uns nicht hätten träumen lassen. Oben angekommen bleiben wir stehen, das Land liegt vor uns ausgebreitet, sanfte Hügel auf über 1000 m Höhe, der Blick wandert scheinbar ins Unendliche, und die Seele will ihm nach! Auf die Anhöhe kommt man nur zu Fuß – ein dort ansäßiger pensionierter Polizist erlaubt uns, durch sein Grundstück zu gehen und gibt mir noch dazu eine Führung in Nutzpflanzenkunde – die ich leider nicht mehr wiedergeben kann. Die Menschen bauen sich hier große Häuser, pflegen und bewirtschaften das Land und fahren von dort in die umliegenden Städte zur Arbeit.

Wir müssen uns losreißen, sonst kommen wir nie an – wir sind schon seit Stunden unterwegs – doch wie heißt es doch so schön – der Weg ist das Ziel.

Da liegt doch Guavate am Weg, der Ort, der für sein köstlichstes Lechon bekannt geworden ist – an so einem Spanferkel kann Herbert nicht vorbei! Für mich bleiben immer noch die spannenden landestypischen Beilagen – und den Flan kann ich mir dann auch nicht verbeißen. Danach geht die Jagd nach einem unbedingt notwendigen Nachmittagskaffee los. Unverständlich, dass die ihren Kaffee bis nach Wien und Paris verschiffen, wo er als der beste weltweit gilt, ihn selbst aber nicht zubereiten können – außer bei den Kaffeeplantagen selbst. Kaffee? Nein, den gibt´s hier nicht! Fündig werden wir durch meinen weiblichen Weitwinkelobjektiv-Blick, in einer Kurve streift die Espresso Werbung einer Bäckerei meine Wahrnehmungsrezeptoren…

Endlich beim Canyon – aber wo ist er nur? Diesmal erhalten wir von mehreren Menschen eine ähnliche Wegbeschreibung (das ist in Puerto Rico gar nicht selbstverständlich, Auskunft kriegt man zwar immer, doch hat sie im seltensten Fall etwas mit der Frage zu tun). Herbert wäre schon fast umgekehrt, denn der Weg wurde uns als so gefährlich beschrieben, dass sich überhängende Felsen und unwegsames Gelände vor unserem geistigen Auge materialisierten, doch letzten Endes findet mein Pfadfinder nach mehrfachen Versuchen den Weg in die Schlucht. Tatsächlich führte ein Karottenzwergwegelchen in die Tiefe, und die gefährlichen Steine entpuppten sich als ein ausgetrocknetes Flussbett, das ohne Schwierigkeiten zu begehen war – wir waren völlig allein – und über uns 300m senkrecht aufragende Felsen!

Wir haben auch die heißen Quellen Baños de Coamo gefunden – angeblich der Jungbrunnen des Ponce de Leon (für Eingeweihte: siehe Fluch der Karibik, Teil 4)! Zwei Zwergenpools, nicht größer als der vierte Teil des Heißbeckens in Kehida (Herberts ungarischer Lieblingsgarkochtopf für Menschenfleisch), in denen sich die einheimischen Gäste noch zur Abendstunde wie Sardinen drängten! Ein vielsagender Blick genügte – das wäre zu viel der Liebe! Also rein in den Jeep und nach Hause unter die Dusche!

Zum krönenden Abschluss unserer Landreise haben wir die Besteigung des Pico de Yunque, den höchsten Berg, mitten im Regenwald des El Yunque Nationalpark erwählt, knappe 1100m hoch. Natürlich fängt es zu regnen an, anfangs sporadisch, doch schon bald steigen wir durch einen Dauerregen nach oben. Die Wassermengen im Regenwald vermehren sich in kürzester Zeit ums vielfache und Wasser rinnt nun in Bächen über die Wege, von den Bäumen und über die Felsen. Nasser konnte es sowieso nicht mehr werden, also halten wir durch und kommen wieder einmal völlig durchnässt zurück. Aber auch richtiggehend energetisiert – denn um nicht zu erfrieren, sieht man uns auf dem Rückweg im Laufschritt durch den Regenwald springen und hüpfen!

Am nächsten Tag verlassen wir die Marina und nehmen Kurs auf die Insel Vieques, Punta Arena. Obwohl es uns ordentlich hin und her rollt, trinken wir unseren original puertoricanischen Kaffee mit Kuchen. Über Sandgrund und glasklarem Wasser lassen wir den Anker fallen. Es ist völlig ruhig, der starke Wind der letzten Tage lässt nach, und auch wir können uns fallen und die Eindrücke der letzten Tage in uns nachwirken lassen.

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Espresso auf Puerto Rico

Wir sind im Land der Kaffeebohne. Puerto Rico hat eine großartige Geschichte als Lieferant exklusiver Hochland Kaffee-Sorten, hier wurde der feinste Kaffee für Europas Kaffeefreunde angebaut, geröstet und verschifft. Der Reichtum Puerto Ricos war auch auf dieses Exportgut zurückzuführen, große Haciendas mit gediegenen Herrenhäusern und riesigen Anbauflächen bestimmten das Landschaftsbild, und Kaffee wurde mit Stil und Können zubereitet und genossen (das war aber vor dem spanisch-amerikanischen Krieg, in dem Ende des 19. Jahrhunderts die vereinigten Staaten sich Puerto Rico einheimsten und es danach mit Mc Donalds, KFC, Wendys und Burger King sowie amerikanischer Kaffee-Kultur überschwemmten).

Als große Verehrer dieses Getränkes steht für uns natürlich eine Entdeckungsreise zu den Anbaugebieten am Reiseplan, quer durch diese traumhafte Landschaft führt uns unsere Route, die Berge präsentieren sich im grünen Kleid, es gibt alle vorstellbaren Schattierungen von Grün, Bananen wachsen auf der Alm neben Kokospalmen, Papayas, Mandarinenbäumen und natürlich auch Kaffee-Sträuchern.

Voller Vorfreude auf einen würzigen Espresso direkt vom Winzer brechen wir schon ganz in der Früh auf, unseren morgendlichen Koffeinbedarf wollen wir schon beim Erzeuger decken (wie ja schon allgemein bekannt braucht Tadeja für die gute Laune einen dazu passenden Kaffee, und wehe es gibt keinen). Nachdem dann die Fahrt viel länger wird als gedacht, müssen wir einen Notstop einlegen und versuchen ein „landestypisches Frühstück“ beim Burger-King (auf der Werbetafel war „Espresso Puerto Rico“ zu lesen), es gab mit Ei und Rindfleisch gefüllte Croissants, dazu in Altöl frittierte künstliche Erdäpfel und „Espresso“.  Der Kaffee (doppelter Espresso!) wurde in Plastikbechern serviert, mit Deckel und Strohhalm (!!!), und war absolut grauenhaft. Eine bräunliche fade Suppe, Kaffee D30, mit Milchpulver, ein Guantanamo würdiges Attentat auf die verwöhnten Kafferezeptoren von Tadeja, eine unmenschliche Grausamkeit. Aber so leicht gibt sich Tadeja bei wirklich wichtigen Dingen nicht geschlagen, da wird gekämpft, auch wenn es scheinbar ein Kampf gegen Windmühlen ist, dagegen war der alte Don Quichote ein blutiger Anfänger. Der Kaffee wird zurückgebracht und umgetauscht (und zwar mehrfach), erst der dritte Kaffee, der von dem bemitleidenswerten Burger-King-Mädel dann nach exakten Anweisungen Tadejas hergestellt wird, findet Gnade. Es ist Tadeja anscheinend gelungen, binnen fünf Minuten die 119 Jahre amerikanische „Besatzung“ – zumindest was das Kaffee-Brauen betrifft – wieder einigermaßen rückgängig zu machen.  Nicht viel besser ist es später den netten Bediensteten einer kleinen Konditorei mitten im Bergland ergangen, diese mussten für den Fehler, auf einem Plakat „Espresso“ anzubieten, ebenfalls büßen und bekamen von Tadeja eine ordentliche Nachschulung verpasst. Der dritte Versuch war auch dort dann zumindest schon trinkbar (wenn man vom obligatorischem Styropor-Becher absieht, es ist so als wenn die Winzer im Burgenland beim Heurigen den Wein nur noch im Wegwerf Plastik ausschenken würden).

Trotz aller Rückschläge dieser Art gibt es dann doch noch ein Happy End – wir besuchen im Hochland eine Hacienda, die für den selbst angebauten Kaffee weithin bekannt ist, und genießen im netten „Gastgarten“ gleich neben den Kaffeebüschen einen wunderbaren frischen Espresso, vollmundig, perfekt zubereitet und so geschmackvoll, dass wir gleich zwei Kilo Kaffee erwerben und wie einen Schatz zurück zur KALI MERA bringen. Mitten in der Plantage sitzen, großartigen Kaffee trinken und dabei den Blick über die wunderschöne Landschaft streichen zu lassen, das entschädigt für so manchen heimtückischen Versuch uns braunes Abwaschwasser Americano zu servieren. Letztendlich setzt sich doch das Gute in der Welt durch…

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